Schlangeneu2 Blockierung

Blockierungen.

Unter einer Blockierung versteht man eine schmerzhaft fixierte Fehlstellung im Bewegungsapparat - betroffen können sowohl die Extremitätengelenke sein als auch die Wirbelsäule. Zum Teil abenteuerliche Fehlinterpretationen über die Ursache der Blockierungen führen nicht nur zu unnötig brutalen Behandlungen sondern auch beim Patienten zu unnötigen Ängsten und Vermeidungsreaktionen:

Der Irrtum mit der “Kommodenschublade”:

Wir alle kennen noch Oma’s alte Holzkommode, bei der die Schubladen nicht wie bei modernen Möbeln auf Rollen und Schienen geführt wurden, sondern bei der ein hölzerner Schubladenrahmen in einer ebenfalls hölzernen Zarge - oft nicht ohne ganz erhebliche Reibung lief. Je mehr die Schublade beladen war, um so schwerer ließ sie sich auch auf- und zuschieben.
Nicht selten blieb sie auch in halb geöffnetem Zustand “hängen” und ließ sich dann nicht mehr vor oder zurückschieben. Der Schubladenrahmen hatte sich in der Zarge verkantet, aus der “Gleitreibung” war nun “Haftreibung” geworden, die, wie wir es ja früher im Physikunterricht gelernt haben, bekanntlich erheblich höher ist. Unsere schiebende Hand konnte die Schublade nun nicht mehr bewegen. Ein kräftiger Tritt mit dem Fuß gegen die Schublade führte dann die “Haftreibung” wieder in “Gleitreibung” über, die Schublade ließ sich nun wieder mit der Hand öffnen oder schliessen.

So ähnlich stellen sich viele (nicht nur Patienten!) offensichtlich auch die “Blockierung” von Wirbeln vor - so ähnlich wirken jedenfalls manchmal die Behandlungsmethoden!

Der “eingeklemmte Wirbel”

So, wie die Kommodenschublade können Wirbel aber nicht einklemmen! Erstens sind die Gelenkflächen der Wirbelgelenke mit gleitfähigem Knorpel überzogen und mit hoch visköser Synovialflüssigkeit geschmiert, sodass schon die Gleitreibung verschwindend gering ist, zu “Haftreibung” kann es durch die “Schmierung” garnicht kommen. Zweitens ist auch die Geometrie eine völlig andere! Die parallelen “Gleitflächen” der Schubladen, die in den ebenfalls parallelen Zargen “verkanten” und damit einklemmen können, gibt es an Wirbeln nicht! Ein Einklemmen im mechanischen Sinne wie bei der Schublade ist also an der Wirbelsäule (und an allen übrigen Gelenken) garnicht möglich!

Was fixiert den Wirbel wirklich?

Obwohl wir gesehen haben, dass die Wirbel nicht (wie Kommodenschubladen) mechanisch einklemmen können, kennen wir doch den Effekt: Der Rücken schmerzt, die schmerzhaft fixierte Fehlstellung des Wirbels wird gefunden und vom Arzt mit einem Ruck (wie mit dem Fußtritt) gelöst und die Schmerzen sind (zumindest erst einmal) weg.

Was hat also den Wirbel schmerzhaft in seiner Fehlstellung fixiert?

Die Muskeln!

Alle unsere Knochen sind zueinander beweglich! Die Bänder geben nur die Bewegungsgrenzen vor.
Wie die einzelnen Knochen genau zueinander positioniert sind, hängt allein vom Spannungszustand der vielen Muskeln ab, die für die Stellung jedes Gelenkes direkt oder indirekt verantwortlich sind!
Und wie der Spannungszustand der verschiedenen Muskeln zueinander in Relation steht, wird vom Nervensystem kontrolliert (allerdings zu weniger als 1% von dem unserem Willen unterstellten Teil des Nervensystems)!
Ein hierarchisch organisiertes System von Steuerungszentren in unserem zentralen Nervensystem (ZNS) kontrolliert die Spannung der hunderte von Skelettmuskeln um die korrekte Stellung der Knochen zueinander aufrecht zu erhalten in Abhängigkeit von Stellungs- und Spannungsrezeptoren in Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken, dem Gleichgewichtssystem, den Sinnesorganen und den Planungen des Großhirns.

Normalerweise läuft diese komplexe Steuerung so perfekt ab, wie es bei weitem noch kein Computersystem der Welt nachahmen könnte! (Schön zu sehen, wenn man betrachtet, welche Begeisterungsstürme die ersten plumpen Gehversuche von “androiden Robotern” auf zwei Beinen bei den beteiligten Ingenieuren auslösen und wie diese aber zum Beispiel im Vergleich mit den Bewegungen von einem Tänzer oder Eiskunstläufer - oder auch nur mit denen eines dreijährigen Kindes beim Laufen und Klettern - aussehen)
Alle Gelenke werden im Rahmen der geplanten Bewegung im schmerzfreien Bewegungsspielraum gehalten, die Spannung auf Muskeln, Sehnen, Bändern und Gelenken ist nicht höher als notwendig und die Bewegungen laufen (mehr oder weniger) harmonisch ab. So ist unsere Steuerung “programmiert”.

Leider gibt es in diesem höchst komplexen, (fast) perfekten Steuerungssystem aber auch gelegentlich einen Steuerungsfehler:

So genau weiss das natürlich niemand! Folgende Interpretation der Ursache einer “Blockierung” erscheint mir aber plausibel - zumindest erklärt sie den Krankheitszustand und die möglichen Therapien plausibel:

Üblicherweise kann das oben beschriebene Steuerungssystem die Kräfte und Drehmomente, die auf alle Gelenke einwirken werden aufgrund der ihm ja bekannten geplanten Bewegungen und der ihm über Augen, Ohren und die übrigen Sinne bekannten äußeren Einwirkungen soweit “voraussehen”, dass die stabilisierenden Muskeln rechtzeitig genügend Schutzspannung aufbauen um die Gelenke (auch Wirbelgelenke) im schmerzfreien “zulässigen” Bewegungsbereich zu halten.

Kommt es aber durch Übermüdung, Konzentrationsschwäche (sowas gibt es im automatischen Steuerungssystem auch!), durch zu schlechten Trainingszustand der Muskulatur oder einfach durch nicht voraussehbare äußere Einwirkungen doch dazu, dass ein (Wirbel-)Gelenk in einen schmerzhaften Bewegungsbereich kommt, werden reflektorisch Muskeln angespannt, um das Gelenk zu schützen. Das können (in seltenen Fällen, die für manche von uns aber doch noch zu oft auftreten) aber auch Muskeln sein, die das Gelenk weiter in den schmerzhaften Bereich ziehen. Der Schmerz nimmt zu, der Reflexbogen wird verstärkt, damit auch die Muskelspannung (des “falschen” Muskels), der Teufelskreis verstärkt sich und schließlich steht der Wirbel wie “Eingeklemmt” schmerzhaft fixiert in der Fehlstellung.

Der Wirbel ist “blockiert”

Dieses Modell erklärt schön, wie es zu einer solchen Blockierung kommen kann, aber auch, warum ganz unterschiedliche Therapien die Blockierung lösen können:
Die Spritze mit dem lokalen Betäubungsmittel unterbricht den Teufelskreis und lässt die Entspannung der Muskeln und damit die Rückkehr des Wirbels in seine schmerzfreie Normalposition zu. Das kann auch ein ausreichend starkes Schmerzmittel oder ein hoch genug dosiertes muskelentspannendes Medikament sein.
Die klassische “Chirotherapie” mit dem Ruck (Impuls) überlistet die Muskelspannung im Reflexbogen und löst dadurch den Teufelskreis.
Bei der Dorn-Methode wird (wie bei “Weichteiltechniken” oder “Muskeltechniken” der Manuellen Medizin) zunächst der Tonus der Muskulatur gelöst und dann wird die korrekte Stellung aus der Bewegung des Patienten wiederhergestellt und der Reflexbogen dadurch gelöst.